HVD, GBS, IBKA und Freidenker: Das säkulare DACH-Verbands-Spektrum 2026
Vom Deutschen Freidenker-Bund 1881 bis zur Giordano-Bruno-Stiftung 2004: Ein Überblick über die wichtigsten säkularen, konfessionsfreien und humanistischen Verbände im deutschsprachigen Raum, ihre Profile, Mitgliederzahlen und ihr Verhältnis zueinander.
Der säkulare Verbands-Markt im deutschsprachigen Raum ist älter, als die öffentliche Wahrnehmung vermuten lässt, und vielfältiger, als die Außendarstellung einzelner Verbände nahelegt. Eine nüchterne Bestandsaufnahme aus dem Frühjahr 2026 zeigt mindestens fünf größere Akteure mit jeweils eigenem historischem Profil, ergänzt um eine Reihe von Fachverbänden und regionalen Strukturen.
Deutscher Freidenker-Bund (seit 1881)
Der älteste der genannten Verbände ist der Deutsche Freidenker-Bund, gegründet 1881 in Frankfurt am Main von Ludwig Büchner – dem Bruder Georg Büchners und Verfasser von Kraft und Stoff (1855). Der Bund verstand sich als Sammlungsbewegung der bürgerlich-naturwissenschaftlich orientierten Religionskritik des späten 19. Jahrhunderts und gewann seinen Höhepunkt in der Weimarer Zeit, als er kurzzeitig mehrere hunderttausend Mitglieder zählte und mit Friedhofsangeboten für Konfessionsfreie eine eigene Sozialinfrastruktur entwickelte.
Die NS-Zeit unterbrach den Bund 1933 durch Verbot; nach 1945 konstituierte er sich in beiden deutschen Staaten neu, allerdings in unterschiedlicher politischer Ausrichtung. Der Deutsche Freidenker-Verband (DFV) in der Bundesrepublik versteht sich heute, so seine Selbstauskunft, als sozialistisch orientierter, religionskritischer Verein mit dezidiert linkem Profil und Mitgliederzahlen im niedrigen vierstelligen Bereich. Sein Periodikum ist Der Freidenker. Eine Schweizer Parallelorganisation, die Freidenker-Vereinigung der Schweiz, besteht seit 1908; sie tritt politisch zurückhaltender auf und engagiert sich primär in religionspolitischen und ethischen Fragen.
Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA, seit 1976)
Der IBKA wurde 1976 als Internationaler Bund der Konfessionslosen gegründet; die heutige Bezeichnung – mit „und Atheisten” – stammt aus den 1990er Jahren. Sitz ist Aschaffenburg, das Periodikum heißt MIZ – Materialien und Informationen zur Zeit. Der IBKA hat ein deutlich identifikatorisch-atheistisches Profil und engagiert sich vor allem in religionspolitischen Streitfragen: Trennung von Staat und Kirche, Ablösung der Staatsleistungen, Abschaffung der Militärseelsorge, Reform des kirchlichen Arbeitsrechts.
Mitgliederzahl: nach eigenen Angaben rund 1.700 (Stand 2024). Die MIZ erscheint vierteljährlich und ist eines der reflektiertesten religionskritischen Fachorgane im deutschsprachigen Raum. Sie publiziert religionssoziologische Analysen, rechtspolitische Kommentare und Buchrezensionen, vermeidet aber weitgehend polemische Stilmittel. Der IBKA arbeitet in der Bundesarbeitsgemeinschaft Säkulare Sozialdemokratie mit und gehört dem Europäischen Verband der Humanisten (European Humanist Federation) an.
Humanistischer Verband Deutschlands (HVD, seit 1993)
Der HVD entstand 1993 aus dem Zusammenschluss älterer humanistischer Organisationen, deren Wurzeln teils ins 19. Jahrhundert zurückreichen (etwa die Freireligiösen Gemeinden und die Berliner Humanistische Union). Er ist mit Abstand der größte und institutionell stärkste säkulare Verband im deutschsprachigen Raum: mehrere zehntausend Mitglieder, bundesweit etwa 100 Einrichtungen, anerkannt als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Bayern und weiteren Ländern.
Der HVD bietet eine breite weltliche Sozialinfrastruktur: Kindertagesstätten, Schulen (etwa die Humanistische Grundschule Fürth), den Humanistischen Lebenskunde-Unterricht (vor allem in Berlin), Jugendfeiern (JugendFEIER bzw. JuFei), Hospizdienste, Trauerbegleitung. Seine bildungspolitische Ausrichtung ist säkular-humanistisch im Sinne der UNESCO-Tradition, programmatisch zurückhaltend im Tonfall und kooperationsbereit gegenüber staatlichen Stellen. Der HVD veröffentlicht humanismus aktuell und ist Mitglied bei Humanists International.
Giordano-Bruno-Stiftung (gbs, seit 2004)
Die gbs wurde 2004 vom Unternehmer Herbert Steffen in Mastershausen (Hunsrück) gegründet. Sie ist keine Mitgliederorganisation, sondern eine Stiftung mit Förder- und Beiratsstruktur. Ihre Sichtbarkeit beruht weniger auf einer Mitgliederbasis – die gbs zählt einige tausend Förderer – als auf ihrem programmatischen Profil und der Medienpräsenz einzelner Beiräte (etwa Michael Schmidt-Salomon, der das Manifest des evolutionären Humanismus von 2005 verfasste).
Die gbs versteht sich als Denkfabrik des „evolutionären Humanismus”. Sie betreibt mehrere Tochterorganisationen und nahe stehende Initiativen, darunter den Kortizes – Institut für populärwissenschaftliche Bildung Nürnberg (Vorträge, Tagungen), die Hans-Albert-Stiftung (Förderung des kritischen Rationalismus) und die Säkulare Buskampagne, die 2009 in deutschsprachiger Adaption der britischen Atheist Bus Campaign Aufmerksamkeit erregte. Der Tonfall der gbs ist programmatisch offensiver als der des HVD, bewegt sich aber im Rahmen sachlicher Argumentation; die Selbstbezeichnung als „evolutionärer Humanismus” weist auf eine Verbindung von darwinistischer Naturalisierung und ethischer Universalisierung hin.
GKP und „Aufklärung und Kritik” (seit 1992)
Die Gesellschaft für kritische Philosophie (GKP) mit Sitz in Nürnberg, gegründet 1992, ist im Markt-Vergleich klein, intellektuell aber gewichtig. Ihr Periodikum Aufklärung und Kritik (AuK) erscheint zweimal jährlich und versteht sich, so die Selbstauskunft, als Forum für kritisch-rationalistische, säkular-aufklärerische und religionsphilosophische Debatten in der Tradition Hans Alberts. AuK publiziert längere wissenschaftliche Aufsätze und Rezensionen; die Beiträge stammen häufig aus dem akademischen Umfeld der analytischen Religionsphilosophie und Erkenntnistheorie.
Die GKP ist personell und programmatisch mit der Hans-Albert-Stiftung und mit Teilen der gbs verflochten, bewahrt aber ein eigenständiges Profil. Wer den theoretischen Diskussionsstand der deutschen Religionsphilosophie und Wissenschaftstheorie aus säkularer Perspektive verfolgen möchte, kommt an AuK nicht vorbei.
GWUP (seit 1987)
Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), gegründet 1987 in Roßdorf bei Darmstadt, gehört nicht im engeren Sinn zum säkular-humanistischen Spektrum, ergänzt es aber funktional. Ihr Gegenstand sind paranormale Behauptungen, Pseudowissenschaften und Verschwörungserzählungen. Sie publiziert das Skeptiker-Magazin und veranstaltet die jährliche SkepKon. Mitgliederzahl: nach eigenen Angaben rund 1.300 (Stand 2024).
Die Abgrenzung von der religionskritischen Klassik ist methodisch wichtig. Die GWUP prüft empirische Behauptungen mit kontrollierten Verfahren; sie ist programmatisch nicht religionskritisch, auch wenn personelle Überschneidungen mit gbs und HVD bestehen. Ihre Tradition ist die der angelsächsischen Skeptiker-Bewegung um CSICOP (1976) und steht philosophisch in der Linie Karl Poppers.
Schweiz und Österreich
In der Schweiz ist die Freidenker-Vereinigung (FVS, seit 1908) der traditionsreichste Verband; sie publiziert den Freidenker. Daneben bestehen kantonale Sektionen mit teils erheblicher Eigenständigkeit. Der HVD hat kein Schweizer Pendant gleicher Größe.
In Österreich ist die Lage fragmentierter. Der Freidenkerbund Österreichs (FBÖ, seit 1887, unterbrochen 1934–1938 und 1945 wiedergegründet) ist mitgliederschwach. Aktivere Akteure sind die Initiative Religion ist Privatsache, der Atheistische Religionsgesellschaft Wien (gescheiterter Anerkennungsversuch 2010) sowie der Zentralrat der Konfessionsfreien, der 2019 das österreichische Staatskirchenrecht in mehreren Bereichen anfocht.
Spektrum und Verhältnis
Das Verhältnis der Verbände zueinander ist arbeitsteilig, nicht hierarchisch. HVD ist der institutionelle Schwergewichts-Akteur; gbs der Programm-Akteur; IBKA der religionspolitische Lautsprecher; GKP der theoretische Diskursverband; GWUP der wissenschaftliche Methoden-Akteur; Freidenker die historische Klassik. Es gibt personelle Überschneidungen, programmatische Differenzen und gelegentliche Spannungen – etwa um die Frage, wie offensiv religionskritisch oder wie pragmatisch-kooperativ man auftreten solle.
Wer säkulare Positionen im deutschsprachigen Raum heute vertreten will, findet in dieser Pluralität nicht Schwäche, sondern Differenzierung. Die fünf Profile entsprechen unterschiedlichen Bedürfnissen – institutionelle Verankerung, intellektuelle Programmatik, religionsrechtliche Intervention, theoretische Reflexion, wissenschaftliche Prüfung. Ein einzelner Verband, der alles abdeckte, wäre weniger leistungsfähig als das bestehende Spektrum.
Mitgliederlage und gesellschaftlicher Kontext
Eine Bestandsaufnahme der säkularen Verbandslandschaft muss die religionsdemografischen Verschiebungen mitlesen. Die Statistiken der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz weisen für 2024 eine Konfessionslosen-Quote in Deutschland von rund 45 Prozent aus – erstmals in der bundesrepublikanischen Geschichte ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr in den beiden großen Kirchen organisiert. In Ostdeutschland liegt der Anteil seit den 1990er Jahren über 70 Prozent; in den westdeutschen Großstädten ist er in den 2010er Jahren über die 50-Prozent-Schwelle gewachsen.
Diese Verschiebung hat den säkularen Verbänden nicht automatisch mehr Mitglieder gebracht. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Konfessionsfreien ist nicht in säkularen Verbänden organisiert. Das Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung (zuletzt 2023) und der Sozialwissenschaftliche Religionsmonitor der Universität Münster zeigen, dass das Verlassen einer Kirche selten mit einem Eintritt in eine säkulare Organisation einhergeht. Die meisten Konfessionsfreien gehören keiner ausdrücklich säkular-weltanschaulichen Gemeinschaft an.
Dies ist für das Verbandswesen eine strukturelle Herausforderung. Sie unterscheidet die säkulare Bewegung von den großen Kirchen, die historisch durch Mitgliedschaftsroutine (Taufe, Konfirmation, kirchliche Trauung, kirchliches Begräbnis) institutionell getragen werden. Eine säkulare Organisation muss diese Routinen aktiv aufbauen – was der HVD mit seinem Lebenskunde-Unterricht und seinen Jugendfeiern erfolgreich tut, was aber nicht in allen Regionen gleichermaßen gelingt.
Religionspolitische Akteure ohne Verbandsstatus
Neben den genannten Verbänden agieren im DACH-Raum eine Reihe von Initiativen ohne klassische Vereinsstruktur. Erwähnt seien drei. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Säkulare Sozialdemokratie (BASS, seit 2010 innerhalb der SPD) und der Säkulare Bund in Bündnis 90/Die Grünen (seit 2014) versuchen, säkulare Positionen in den Parteien zu verankern. Ihre Wirkung ist im Einzelnen schwer messbar, ihr Vorhandensein verändert aber die innerparteilichen Diskursverhältnisse.
Die Konfessionsfreie Welt (KW, seit 2007) ist eine medienjournalistisch arbeitende Online-Plattform, die religionspolitische Nachrichten aufbereitet. Sie wird vom humanistischen Pressedienst (hpd, herausgegeben vom HVD seit 2002) ergänzt, der inzwischen zu einem der reichweitenstärksten säkularen Nachrichtenkanäle im deutschsprachigen Raum geworden ist. Beide arbeiten redaktionell, nicht als Mitgliederorganisation.
Der Zentralrat der Konfessionsfreien (ZdK, gegründet 2020) versteht sich als Sprecherorganisation für die Konfessionsfreien gegenüber Staat und Medien. Sein Sprecher Philipp Möller (auch Vorstand der Giordano-Bruno-Stiftung) hat das Verhältnis zu den etablierten Verbänden als „komplementär, nicht konkurrierend” beschrieben. Ob das in den nächsten Jahren so bleibt, lässt sich nicht absehen.
Internationale Anbindung
Die DACH-Verbände sind international eingebunden. Auf europäischer Ebene gibt es die European Humanist Federation (EHF, Brüssel, gegründet 1991), in der HVD, gbs, IBKA und die Schweizer Freidenker vertreten sind. Auf globaler Ebene koordiniert Humanists International (London, ehemals International Humanist and Ethical Union IHEU, gegründet 1952) die Zusammenarbeit. Die EHF hat im Europäischen Parlament beratenden Status (Art. 17 AEUV) und vertritt säkulare Positionen in den jährlichen Dialog-Konsultationen mit den Religionsgemeinschaften.
Ein bemerkenswerter Vorgang war die Ablehnung des Antrags der Polish Rationalist Association auf Anerkennung in Polen, der 2021 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt wurde. Die EHF unterstützte den Antrag mit einer schriftlichen Stellungnahme. Solche supranationalen Aktivitäten zeigen, dass die säkulare Verbandslandschaft nicht mehr ausschließlich national gedacht werden kann.
Was Skepsis daraus lernt
Ein Magazin wie Skepsis schreibt nicht als Sprachrohr eines bestimmten Verbandes. Es ist redaktionell unabhängig und beobachtet das Spektrum aus journalistischer Distanz. Diese Position hat den Vorteil, die Pluralität der Akteure ernst nehmen zu können, ohne sich für eine Seite vereinnahmen zu müssen. Sie hat den Nachteil, dass sie ohne eingebaute Stammleserschaft auskommen muss.
Aus der Bestandsaufnahme lassen sich drei redaktionelle Lehren ziehen. Erstens: Der säkulare Markt ist arbeitsteilig, und seine Akteure leisten Unterschiedliches. Eine pauschale Berichterstattung, die HVD, gbs, IBKA und GWUP in einen Topf wirft, verfehlt die Sache. Zweitens: Die organisierte Säkularität ist eine Minderheit innerhalb der Konfessionslosen-Mehrheit. Diese Differenz erklärt viele Friktionen zwischen Anspruch und Reichweite. Drittens: Religionskritik im engeren Sinn ist nur ein Teil der säkularen Agenda. Religionsrecht, Bildungsfragen, kirchliches Arbeitsrecht und Pseudomedizin-Aufklärung sind ebenso wichtige Themen, die in der publizistischen Wahrnehmung oft unterrepräsentiert sind.
Eine seriöse säkulare Publizistik im DACH-Raum 2026 hat genug Stoff. Sie braucht nicht zu schreien.